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Sierra Leone

Die Klinik brummt

Andrea Monninger nimmt uns mit zu ihrer Arbeit auf der Gesundheitsstation im Dorf Jaiama in Sierra Leone.

Heute ist Montag und es kommen viele Patienten, meist viel mehr als an anderen Tagen. Gleich morgens bilden sich Schlangen an der Anmeldung (Bild 1). Jeder Patient hat bei uns eine Kartei-karte. Wer zum ersten Mal kommt, muss zehn Leone dafür zahlen und sich registrieren lassen (Bild 2). An Montagen helfe ich oft dabei. Das bedeutet, Namen und Adressen aufschreiben, was gar nicht so einfach ist bei den für uns oft seltsam klingenden Namen! Wir fragen auch nach dem Alter und müssen dann oft entscheiden, ob die Antwort plausibel ist, denn nur sehr wenige wissen ihr genaues Alter. Wie neulich, als ein Sohn mit seiner Mutter kam. Der Sohn gab sein Alter mit 23 Jahren an, die Mutter mit 32.

Jeder Patient hat eine Akte 

Patienten, die schon einmal da waren, zeigen ihren Klinikausweis vor. Anhand dessen finden wir die alte Karteikarte. Abends werden alle Karteikarten dieses Tages nach Kind, Mann und Frau geordnet, gebündelt und mit Datum versehen in einem Karton gelegt. Jeden Monat wird ein neuer Karton angefangen. Die Kartons werden in einem separaten Raum aufbewahrt und fünf Jahre lang aufgehoben (Bild 3). Auf dem Klinikausweis wird jedes Mal, wenn der Patient kommt, das neue Datum vermerkt.

Was zu behandeln ist

Der Großteil der Patienten des ersten Ansturms hat jetzt im Wartebereich in der offenen überdachten Eingangshalle Platz genommen. Die Karten befinden sich im Behandlungszimmer (Bild 4). Von dort aus ruft Vandi Koroma, der CHO (das ist ein Arzt mit einer nicht ganz so umfassenden Ausbildung wie bei uns üblich), oder einer unserer Studenten, die als letzten Teil ihrer Ausbildung noch ein Praktikum machen müssen, die Patienten der Reihe nach herein und führt die Untersuchungen durch. Die meisten haben irgendwo Schmerzen und/oder Fieber. Es gibt immer wieder Fälle von häuslicher Gewalt, von der beide Geschlechter betroffen sind, sowie Unfälle, bei denen es sich meist um Motorrad- oder Arbeitsunfälle handelt. Vermehrt sehen wir auch hohen Blutdruck und Diabetes (Bild 5). Ich habe schon mehrfach erlebt, dass die Zuckerwerte so hoch waren, dass unser Gerät sie nicht mehr messen konnte. Dazwischen gibt es viele Fälle von Unterbauchinfektionen mit wechselnder Ursache. Jeden Tag kommen auch zwei oder drei Schwangere aus anderen Gesundheitszentren zu uns, um einen Ultraschall zu machen. Abgesehen vom staatlichen Krankenhaus in Koidu haben wir das einzige Gerät im weiten Umkreis. Das ist ein großer Anziehungspunkt (Bild 6).

Das Labor – für manche ein Ort des Schreckens

Auf der Karteikarte werden nicht nur die Beschwerden, Symptome und Ergebnisse der körperlichen Untersuchung, sondern auch die angeforderten Laboruntersuchungen dokumentiert. Dafür müssen die Patienten ein paar Leone zahlen. Sobald sie bezahlt haben, schicken wir sie ins Labor. Dort finden wir häufig eine Malaria­infektion, aber leider auch die eine oder andere neue HIV-Infektion oder Leberentzündung. Bei Stuhluntersuchungen finden wir fast immer Würmer bzw. Parasiten (Bild 7).
Meistens sind es die kleinen Kinder, die an Malaria erkrankt sind. Sie erhöhen den Geräuschpegel in der Klinik um ein Vielfaches. Um den nötigen Blutstropfen zu gewinnen, gibt es einen Pieks in den Finger. Schon wenn die Kinder durch die Labortür getragen werden, schreien viele von ihnen wie am Spieß und hören erst wieder auf, wenn sie wieder draußen sind. Die Mütter scheint das eher zu belustigen. Sie schauen oft nur zu und unternehmen nichts (Bild 8).

Allen soll geholfen werden

Abgesehen von HIV sind für mich die schlimmsten Laborergebnisse, wenn wir wieder ein kleines Kind haben, das fast keinen roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) mehr hat. Werte von 4 oder 5 kommen als Folge der vielen Malaria-Erkrankungen immer wieder vor. Der Normwert liegt je nach Geschlecht bei mindestens 12 oder mehr! Das sind lebensbedrohliche Zustände, und diese Kinder müssen sofort ins Krankenhaus nach Koidu zur Bluttransfusion. Zum Glück überleben die meisten! Wenn die Eltern bereit sind, selbst Blut zu spenden oder jemanden mitbringen, der Blut spendet, ist das auch finanziell machbar.
Auch der junge Mann mit dem hohen Blutzucker war wieder da. Heute lag sein Wert bei knapp über 400 mg/dl. Das ist gut. Die Behandlung hat angeschlagen. Vor 14 Tagen war der Wert so hoch, dass er nicht mehr messbar war. Bis zum Normwert von ca. 120 mg/dl hat er aber noch einen langen Weg vor sich.
Anschließend schicken wir die Patienten zurück ins Behandlungszimmer. Dort wird entschieden, ob eine Behandlung mit Tabletten ausreicht oder ob sie Infusionen und/oder Spritzen benötigen. Bei letzterem bleiben sie für eine gewisse Zeit bei uns auf der Krankenstation (Bild 9). Das kann ein paar Stunden oder auch einige Tage sein. Leider kommen manche Patienten so spät, dass wir nicht mehr viel tun können. Mitunter versterben sie dann auch bei uns. Wann immer möglich, versuchen wir, sie ins staatliche Krankenhaus in Koidu zu verlegen, in der Hoffnung, dass die Ärzte dort noch etwas tun können. Das scheitert manchmal aber auch an den Patienten selbst: Einerseits wissen sie, dass sie dort mehr zahlen müssen, als sie haben, andererseits sind sie oft der Meinung, dass man da sowieso stirbt, und weigern sich, dorthin zu gehen.

Einblicke in die Krankenhausapotheke 

Auf der Karteikarte der Patienten werden die Liste der verschriebenen Medikamente sowie die dafür zu zahlende Summe notiert. Diese kann sehr unterschiedlich ausfallen. Das hängt in erster Linie natürlich von den benötigten Medikamenten ab, aber auch davon, ob die Leute das Geld haben, es zu bezahlen. Ist jemand sehr arm, steht auch mal »foc« (kostenlos) statt einer Summe auf der Karte. Wir schicken grundsätzlich niemanden ohne Medikamente weg, der welche braucht, nur weil er kein Geld hat. Dafür zahlt dann der eine oder andere, der es sich leisten kann, ein bisschen mehr. Wenn sie die Quittung haben, bringen sie ihre Karte in die Apotheke (Bild 10).
Auch dort herrscht heute absoluter Hochbetrieb. Janet, Muje und Susa packen die Medikamente für die Patienten zusammen, erklären, wie sie einzunehmen sind. Zwischendurch müssen sie die Regale vom Lager wieder auffüllen und die Bücher führen (Bild 11). Jeder Patient muss mit Namen, Adresse, Diagnose und Medikation in ein riesiges Buch einge­tragen werden. Gleichzeitig müssen Statistiken über die Anzahl der Patienten, deren Alter und Geschlecht sowie über die Anzahl und Art der Krankheiten geführt werden (Bild 12). Diese Statistiken müssen wir monatlich ans Gesundheitsministerium schicken. Und dann gibt es da noch das Kassenbuch, in das jeder Patient mit der Summe seiner Zahlungen eingetragen wird.

Bilanz eines Tages

Der Warteraum leert sich allmählich, nur noch ein paar Nachzügler kommen herein. Dann ist die Arbeit getan. Alle Patienten sind versorgt, das Personal hat hart gearbeitet (Bild 13).
Heute hatten wir 80 bis 90 Patienten. Davon waren 40 Patienten zum ersten Mal hier. 60 Patienten wurden im Labor untersucht (nicht jeder muss ins Labor). Insgesamt haben wir 6.700 Leone (ca. 250 Euro) eingenommen, es war ein guter Tag. An anderen Tagen kann es auch mal nur die Hälfte dieser Summe sein. Mit diesen Einnahmen können wir es gerade so alle wichtigen Medikamente, das notwendige Labormaterial und ab und zu die eine oder andere kleinere Reparatur finanzieren. Wir sind sehr dankbar, dass die Gehälter für das Personal (derzeit ca. 20 Personen) von der EmK-Weltmission übernommen werden. Dieses zusätzliche Geld in Höhe von 24.000 Euro pro Jahr könnten unsere Patienten beim besten Willen nicht aufbringen (Bild 14).

Andrea Monninger