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Freiwilligendienst – wozu eigentlich?
Birgit Braeske, unsere Freiwilligenkoordinatorin, geht zusammen mit Partnern und Freiwilligen der Frage nach dem Sinn des Programms nach.
Unter dem Motto »aufbrechen – begreifen – mitmachen« ermöglicht das Freiwilligenprogramm der EmK-Weltmission jungen Menschen, neue Erfahrungen jenseits ihres Alltags im Herkunftsland zu sammeln. Diese Formulierung macht bereits deutlich, dass das Herkunftsland nicht ausschließlich Deutschland ist. Seit 2013 entsendet die EmK-Weltmission Freiwillige im Rahmen staatlicher Förderprogramme, hauptsächlich über das Programm »weltwärts« des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Seit 2019 haben wir Freiwillige aus Argentinien, Uruguay, Südafrika, Botswana und Eswatini aufgenommen, die den interkulturellen Austausch in Deutschland gesucht haben.
Die Idee ist einfach: Junge Menschen arbeiten ein Jahr lang in einem Projekt einer Partnerkirche mit und lernen dabei eine fremde Kultur kennen. Nach ihrem Dienst bringen sie ihre Erfahrungen mit zurück ins Heimatland, geben diese weiter und engagieren sich im entwicklungspolitischen Bereich. Aber wie funktioniert das praktisch?
Helfen oder Lernen?
Die Freiwilligen sind Lernende, die in der Begegnung und dem Engagement ein Verständnis für politische und gesellschaftliche Zusammenhänge sowie Gerechtigkeitsfragen entwickeln. Mit diesem Wissen werden sie aktiv für einen gesellschaftlichen Wandel. Dadurch wird die Zivilgesellschaft in Deutschland und in den Partnerländern gestärkt, da sie vom Engagement der Freiwilligen während ihres Einsatzes und nach ihrer Rückkehr profitiert.
Der zentrale Punkt dieses Programms ist nicht »Helfen«, sondern »Begegnung«. Nur wenn wir Menschen in anderen Kulturen und Lebenswelten auf Augenhöhe begegnen und versuchen, sie zu verstehen, kann sich eine friedlichere und gerechtere Welt entwickeln.
Privilegien erkennen
Um diese Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen, werden die Freiwilligen intensiv vorbereitet. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Macht und Machtgefälle, Rassismus und weißen Privilegien. Sophia Härtel war Freiwillige in einer Vorschule in Namibia: »Ich habe es erlebt, dass mir allein aufgrund meiner Hautfarbe und meiner Herkunft oft viel mehr Kompetenz zugeschrieben wurde, [...] obwohl die anderen Lehrerinnen jahrelange Berufserfahrung hatten.«
Doch allein ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe kann gesellschaftliche und globale Strukturen nicht aufheben. Sophia schreibt: »Als weiße europäische Freiwillige bringe ich bestimmte Privilegien mit, die ich nicht einfach durch Reflexion ablegen kann. Doch auch innerhalb bestehender gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse kann ein Freiwilligendienst für die Freiwilligen und auch für die Einsatzstelle eine positive und wertvolle Erfahrung sein.«
Der Dienst in einem Kinderheim in Südafrika hat Ellen Wagner »für zahlreiche ›große Fragen‹ der Gesellschaft sensibilisiert: Wie wirken sich globale wirtschaftliche und politische Dynamiken auf den Alltag vor Ort aus? Wie sind diese historisch entstanden, und wieso haben sie noch immer Bestand? Welcher Zustand wäre stattdessen wünschenswert – oder auch ›gerecht‹? Welche Rolle spiele ich mit meinem Alltagshandeln in diesen Dynamiken? Was bedeutet Schuld, Gerechtigkeit oder Verantwortung in diesem Kontext? Was kann ich überhaupt verändern, und wie sollte ich dabei vorgehen? Diese Fragen führten mich im Übrigen zu meinem Studium der Internationalen Beziehungen und später zum Studium in ›Standards of Decision-Making across Cultures‹ und meiner aktuellen Promotion in der Soziologie. Sie prägen auch mein ehrenamtliches Engagement im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit und als Assistenz für Menschen mit Behinderungen.«
Orientierung
Die gemachten Lernerfahrungen beeinflussen also häufig das weitere Engagement der Freiwilligen, ehrenamtlich oder beruflich.
Aylin Kopp hat ihren Freiwilligendienst in einem Kindergarten in Uruguay absolviert. Sie meint: »Ich halte es für legitim, Erfahrungen zu sammeln, die einen inspirieren. Man findet Vorbilder und Ziele nach denen man für sich selbst strebt.« Heute studiert Aylin Medizin. Dass sie sich vorstellen kann, Kinderärztin zu werden, hängt auch mit ihren Erfahrungen während des Freiwilligendienstes zusammen. »Durch das Jahr in Uruguay habe ich gelernt, dass ich mit Kindern umgehen kann, und ich traue mir das nun zu.«
Sophia Härtel ist in ihrer Berufswahl bestärkt worden. »Ich habe gemerkt, dass ich die Beziehungsgestaltung zu Menschen und die Begleitung und Unterstützung von ganz unterschiedlichen Menschen auch beruflich einbinden möchte.«
Freiwilligendienste oder Projektförderung?
Sowohl die EmK-Weltmission als auch das BMZ haben sich den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen verpflichtet. Diese wurden im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen beschlossen. Sie gelten für alle Länder, denn nachhaltige Entwicklung ist überall nötig und möglich. Das Ziel 4 befasst sich mit hochwertiger Bildung und lebenslangem Lernen. Ein Jahr lang lernen die Freiwilligen etwas für ihr Leben und sammeln Erfahrungen, die sie in unsere Gesellschaft einbringen.
Das Ziel 17 betont, dass die Ziele nur gemeinsam erreicht werden können. Dies geschieht einerseits durch die Verflechtung verschiedener Ebenen – staatlich, zivilgesellschaftlich und durch persönliches Engagement – und andererseits durch globale Partnerschaften. Unsere Partnerkirchen und -organisationen schätzen den Einsatz und das Engagement der Freiwilligen sowie den interkulturellen Austausch. Die Freiwilligen machen die Partnerschaften nämlich sichtbar – umso mehr, als das Programm keine Einbahnstraße ist. Wivine Kabongo, die Freiwilligenkoordinatorin der Methodistischen Kirche im Südlichen Afrika schreibt: »Wir schätzen diese Partnerschaft sehr und sind davon überzeugt, dass das Programm jungen Menschen eine wertvolle Plattform bietet, um im Glauben, in Führungsqualitäten, im interkulturellen Verständnis und im Dienst am Nächsten zu wachsen.«
Darum investiert das BMZ rund 0,15 % seines Haushalts, die EmK-Weltmission rund 2,5 % des Haushalts in diese Form der Bildungsarbeit und in die Stärkung der Partnerschaften.
Perspektivwechsel
Auch wenn in den Bewerbungsschreiben der Freiwilligen fast immer davon die Rede ist, anderen helfen zu wollen, stellen die meisten im Rückblick fest, dass der Anteil des eigenen Lernens erheblich größer ist. Dabei geht es nicht nur um Berufsorientierung und Selbstständigkeit. Das Eintauchen in eine fremde Kultur führt noch zu ganz anderen Erkenntnissen. Sophia Härtel sagt: »Das Jahr hat meinen Horizont sehr erweitert. In einer komplett neuen Kultur und im Kontakt mit den Menschen dort habe ich gelernt, verschiedene Perspektiven auf das Leben und Dinge stehen lassen zu können.«