Albanien
Flamingos im Land der Adler
Albanien, das »Land der Adler«, ist stark von Migrationsbewegungen betroffen. Menschen ziehen von den Dörfern in die Städte oder verlassen das Land ganz. Aber viele setzen sich für neue Perspektiven in Albanien ein, auch die methodistische Kirche!
In der albanischen Hauptstadt Tirana finden seit Anfang Juni große Proteste statt. Ausgelöst wurden sie durch ein geplantes Luxus-Tourismusprojekt in einem unter Naturschutz stehenden Gebiet. Dieses Gebiet wird von Flamingos als Brutplatz genutzt, weshalb die Bezeichnung »Flamingo-Revolution« entstanden ist. Die bis vor kurzem weitgehend friedlichen Proteste sind zu regierungskritischen Demonstrationen geworden, welche sich für Transparenz und gegen die grassierende Korruption und den Verkauf öffentlicher Gebiete an ausländische Investoren sowie gegen die Regierung des gegenwärtigen Ministerpräsidenten im Allgemeinen richten. »Albanien steht nicht zum Verkauf!« ist einer der Slogans. Was auch heißt: Ihr könnt mit uns nicht machen, was ihr wollt. Und die Dringlichkeit des Anliegens führt auch dazu, dass die Proteste spannungsgeladener werden.
Im selben Boot
Die methodistische Kirche in Albanien ist ebenfalls von Migration betroffen, von steigenden Preisen, die ihr viel abverlangen, und von Folgen der Korruption. Aber sie setzt sich für eine Zukunft ein, in der ganz unterschiedliche Menschen einen Platz finden – wie auch die Teilnehmenden an den Protesten. Die methodistische Kirche lebt nicht in einer Parallel-Welt, sondern ist mitten im Leben. Den Menschen nahe, damit diese in ihren Herausforderungen bestehen und im Glauben, Hoffen und Lieben wachsen können. Mit vier urbanen Gemeinden (Tirana, Durrës, Pogradec und Elbasan) sowie einer Gemeinde in den Mokra-Bergen (Buzahishtë) ist die Kirche zahlenmäßig zwar nicht von einer überwältigenden Größe. Doch sie wächst, weil Menschen hier Teil einer herzensweiten, gastfreundlichen und tragfähigen Gemeinschaft sein können. Menschen erhalten hier die Möglichkeit zu lernen und Verantwortung zu übernehmen. Alfros Hyko, Leiter der Gemeinde in Buzahishtë, sagte kürzlich: »Wir haben lieber etwas Kleines und machen etwas Großes daraus, als dass wir etwas Großes haben, mit dem wir nicht wirklich etwas anzufangen wissen.«
Weite wagen
Die methodistische Kirche in Albanien besteht aus vielen Menschen, deren Denken und Fühlen weiter reicht als bis zur Grenze der eigenen Gemeinde. Aus Herzen, die um die Wichtigkeit und die Bedürfnisse einer umfassenderen Gemeinschaft wissen. Dies zeigt sich in gegenseitigen Besuchen, im jährlichen nationalen Kirchentag, in landesweiten Zeltlagern für Kinder und Jugendliche oder auch in regelmäßigen Seminaren für verantwortliche Mitarbeitende aller Gemeinden. Kürzlich war das Thema »Dienst« im Zentrum eines solchen Seminars – Dienst in der Kirche, im Gottesdienst und in der Gemeinschaft. Es ist erfreulich, was in den letzten Jahren in dieser Hinsicht alles gewachsen ist. Und wie es darüber hinaus auch möglich geworden ist, eine Weite zu wagen, die sich konkreten sozialen Nöten nicht verschließt. So erhielten in Buzahishtë 14 Familien Saatkartoffeln, um sich mit einem Grundnahrungsmittel versorgen, ein Zusatzeinkommen erzielen und letztlich auch dem Druck widerstehen zu können, ebenfalls, wie so viele andere, abzuwandern. In Tirana entstand ein Zentrum für die Frühförderung von rund 25 Kindern mit einer Beeinträchtigung. Ein interdisziplinäres Team hoch kompetenter Fachleute fördert nicht nur die Kinder gemäß ihren Bedürfnissen, sondern ermutigt und bestärkt ganze Familien, die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft zu wagen.
In guten Händen
Auch auf Leitungsebene ist ein tragfähiges Miteinander gewachsen. Përparim Kasmollari (Pogradec), Florian Çela (Elbasan), Alfros Hyko (Buzahishtë), Gjergj Lushka (Tirana und Durrës), Amadeo Çela (Distriktsbüro) sowie Pranvera Kurti (Exekutivdirektorin) engagieren sich auf vielfältige Weise, unterstützen sich gegenseitig und bemühen sich verantwortungsbewusst um eine verheißungsvolle Entwicklung der methodistischen Kirche in Albanien. Noch werden sie von Superintendent Wilfried Nausner und seiner Frau Jean begleitet. Wenn sie im Lauf dieses Jahres ihre hingebungsvolle Tätigkeit nach fast zwei Jahrzehnten an den neuen Superintendenten Gjergj Lushka weitergeben, wird die Arbeit in guten Händen bleiben. Über die menschlichen Möglichkeiten hinaus auch in den Händen dessen, von dem es heißt: »Alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler.« (Jesaja 40, 31)
Quelle: Urs Schweizer, Assistent des Bischofs, Zürich (Schweiz)