Südafrika
Negative Einflüsse in etwas Positives verwandeln
Simon Ufer leitet ein soziales Projekt in Südafrika, bei dem Jugendlichen durch Sport neue Chancen eröffnet werden. Olav Schmidt hat ihm einige Fragen gestellt.
Seit rund zweieinhalb Jahren lebst du in Südafrika in einem der sozialen Brennpunkte, in Eldorado Park in Johannesburg. Eldorado ist ja die mystische Stadt, die keiner findet. Wie kommt dieser Stadtteil zu seinem Namen?
Eldorado Park liegt im Süden von Johannesburg – einer Stadt, die eng mit Gold verbunden ist und oft als »City of Gold« bezeichnet wird, da sie aus dem Goldrausch entstanden ist. Der Name »Eldorado« stammt ursprünglich aus einer Legende um eine sagenhafte Stadt voller Reichtum und Gold, die nie gefunden wurde. Der Stadtteil entstand in den 1960er Jahren während der Apartheid, als Menschen zwangsweise umgesiedelt wurden. Ironischerweise passt der Name in gewisser Weise: Denn natürlich geht es auch hier sinnbildlich um die Suche nach »Gold« – also nach Chancen, Erfolg und einem besseren Leben. Genau das ist in Eldorado Park jedoch für viele sehr schwer zu finden. Wie in der Legende gelingt es kaum jemandem, dieses »Gold« wirklich zu finden. In der Realität schaffen es viele nicht, ein positives und stabiles Leben aufzubauen, sondern entkommen häufig nicht der Armut, der Kriminalität und den Drogen. Gerade deshalb suchen viele ihren Reichtum und Gold außerhalb von Eldorado Park, da sie woanders bessere Möglichkeiten sehen, sich ein sicheres Leben aufzubauen. Für viele jüngere Menschen bedeutet das auch, dass sie eher weg wollen, als langfristig dort zu bleiben.
Kürzlich las ich, dass dort bei einer Schießerei sechs junge Menschen getötet wurden. Fühlst du dich dort sicher?
Ja, solche Vorfälle kommen leider immer wieder vor und zeigen, dass die Sicherheitslage angespannt sein kann. Ich persönlich fühle mich jedoch relativ sicher, da ich stets mit meinen lokalen Kollegen unterwegs bin und gut in die Gemeinschaft eingebunden bin. Durch diese Vernetzung weiß ich, welche Orte und Situationen man meiden sollte. Vorsicht ist dabei immer entscheidend. Außerdem bewege ich mich bewusst respektvoll und angepasst in meinem Umfeld, weshalb ich bisher noch nie in eine direkte Gefahrensituation geraten bin.
Was sind die besonderen Herausforderungen in diesem Stadtteil?
In Eldorado Park gibt es besondere Herausforderungen, die vor allem durch Armut, hohe Kriminalität, Gangstrukturen und weit verbreiteten Drogenmissbrauch geprägt sind und den Alltag der Menschen, insbesondere der Jugendlichen, beeinflussen. Hinzu kommen fehlende Zukunftsperspektiven, mangelnde Vorbilder sowie Defizite im Bildungssystem. Dies führt zu einer hohen Schulabbruchquote und Jugendarbeitslosigkeit. Zudem wachsen viele junge Menschen in instabilen Familienverhältnissen auf, was ihre persönliche Entwicklung zusätzlich erschwert.
Deine Antwort darauf war, das Sportprojekt »Pick Six« ins Leben zu rufen. Welche Sportart verbirgt sich dahinter und wie kamst du auf diesen Namen?
Die Sportart hinter »Pick Six« ist Flag Football, also die kontaktfreie Variante des American Football. Wir haben uns bewusst für diese Sportart entschieden, da sie ohne körperliche Gewalt auskommt und somit ein starkes Zeichen setzt – insbesondere in einem Umfeld, in dem Gewalt für viele Jugendliche zum Alltag
gehört. Gleichzeitig steht die neue, eher unbekannte Sportart symbolisch für einen Neuanfang im Leben der Teilnehmenden.
Ein »Pick Six« ist ein seltener, aber oft spielentscheidender Spielzug, bei dem ein Verteidiger den Ball abfängt, in die entgegengesetzte Richtung läuft und einen Touchdown erzielt. Genau dieses Prinzip spiegelt sich auch im Projekt wider: Die Jugendlichen sollen lernen, negative Einflüsse aufzunehmen und in etwas Positives zu verwandeln.
Wie hat sich diese Arbeit seit Herbst 2023 entwickelt?
Was mit einem Team (»Lions«) und etwa zehn Jungen begann, ist deutlich gewachsen: Mittlerweile haben wir vier Teams mit rund 45 Kindern, Mädchen wie Jungen, die regelmäßig an all unseren Versammlungen teilnehmen. Auch sportlich konnten wir große Fortschritte erzielen: Nachdem wir 2024 das erste organisierte Jugend-Flag-Football-Spiel im südlichen Afrika ausgerichtet haben, hat sich daraus eine Liga mit drei Altersklassen und 20 Teams entwickelt. Die Popularität des von Flag Football in Südafrika ist inzwischen so groß, dass sich auch internationale Perspektiven eröffnen, beispielsweise durch die Teilnahme unseres Eagles-Teams an einem internationalen Jugendturnier. Neben diesem quantitativen Wachstum sind die qualitativen Entwicklungen jedoch viel wichtiger. Bei vielen Kindern, die bereits seit Längerem am Projekt teilnehmen, lassen sich deutliche positive Veränderungen im Verhalten und in der Einstellung beobachten – sowohl im familiären Umfeld als auch in der Schule und im Projekt selbst. Gerade Kinder, die anfangs durch stark auffälliges oder negatives Verhalten herausstachen, haben sich in vielen Fällen spürbar positiv verändert. Auch unser Angebot hat sich erweitert: Statt anfänglich drei Einheiten pro Woche bieten wir inzwischen an jedem Wochentag eine Veranstaltung an. Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz. Es geht nicht nur darum, bessere Flag-Football-Spielerinnen und -Spieler zu entwickeln, sondern die Kinder vor allem in ihrem Alltag zu unterstützen und sie auf ihrem Weg zu verantwortungsbewussten, positiven und disziplinierten jungen Frauen und Männern und zu begleiten. Trotz vieler positiver Entwicklungen bleibt die Arbeit herausfordernd. Es gibt auch Fälle, in denen Kinder bereits so stark in negative Verhaltensweisen und Strukturen verstrickt sind, dass unsere Unterstützung allein nicht ausreicht. In solchen Situationen stoßen wir an unsere Grenzen und arbeiten mit anderen Institutionen zusammen bzw. vermitteln gezielt weiter, um den Kindern bestmöglich zu helfen.
Es bleibt also noch einiges zu tun?
Definitiv! Aktuell arbeiten wir daran, eine stabile und nachhaltige Struktur für unser neu gegründetes Mädchenteam aufzubauen. So können wir auch den Mädchen ein passendes und langfristiges Angebot ermöglichen. Gleichzeitig suchen wir gezielt nach neuen Wegen, um die Kinder im schulischen Bereich stärker zu unterstützen, da viele von ihnen dort große Herausforderungen haben. Darüber hinaus ist es nach wie vor unser Ziel, unsere bestehenden Strukturen weiter zu festigen und das Projekt noch tiefer im Stadtteil zu verankern, um langfristig Stabilität und Nachhaltigkeit zu sichern.
Welche Rolle hat dabei unsere Partnerkirche, die Methodistische Kirche im Südlichen Afrika (MCSA)?
Seit Beginn besteht ein enger Austausch und Kontakt mit der MCSA. In den kommenden zwei Jahren wird diese Partnerschaft eine zentrale Rolle spielen, da die Kirche nach neuen Wegen sucht, um Kinder und Jugendliche in herausfordernden Lebenssituationen zu erreichen und zu unterstützen. Viele von ihnen befinden sich in ähnlichen Umständen wie die Kinder in Eldorado Park, sowohl in Südafrika als auch in den benachbarten Ländern. Die Idee ist, das Konzept von Project Pick Six durch die Kirche weiterzutragen und auszubauen. Über die bestehenden Strukturen der Kirche soll das Projekt nicht nur in Eldorado Park, sondern perspektivisch auch in anderen Stadtteilen, Städten und Provinzen sowie möglicherweise in weiteren Ländern umgesetzt werden.
Was ist deine Vision für die Zukunft? Was möchtest du in den nächsten zwei Jahren verwirklichen?
Für mich persönlich ist es in den kommenden zwei Jahren besonders wichtig, dass das Projekt in Eldorado Park vollständig in lokale Hände übergeht. Damit kann es unabhängig von meiner direkten Anwesenheit weitergeführt werden – egal, ob ich mich in Südafrika oder anderswo befinde. Mein Hauptfokus liegt darauf, Schritt für Schritt Verantwortung abzugeben und Strukturen zu schaffen, die langfristig selbstständig und nachhaltig funktionieren. Darüber hinaus möchte ich die Erfahrungen und das Konzept von Project Pick Six über die Partnerschaft mit der Kirche nutzen, um noch mehr Kinder zu erreichen und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. Auch diese Erweiterung soll von Beginn an lokal verankert sein, damit sie langfristig Bestand hat und nicht von einzelnen Personen abhängig ist. Ein großer Erfolg wäre es auch, zu sehen, wie die Kinder, die von Anfang an dabei sind, ihre schulische Laufbahn erfolgreich abschließen und im besten Fall den Weg an die Universität finden. Ebenso wichtig ist mir, dass immer mehr der älteren Jugendlichen Verantwortung im Projekt übernehmen, selbst zu Trainern heranwachsen und so den Kreislauf der Weiterentwicklung innerhalb des Projekts stärken.